20 Jahre Wiedervereinigung Deutschlands

Ein Stück Geschichte



Erinnerungen an eine bewegende Zeit

An die letzten Tage der DDR kann ich mich heute noch erinnern, als wären sie gestern gewesen. Am Abend des 9. November 1989, als in Berlin die Grenzübergänge geöffnet wurden, hatte ich Spätdienst als Leitende Schwester im Sonneberger Pflegeheim Markt 3. Eigentlich ein Dienst wie jeder andere, bis ich am Abend aus Funk und Fernsehen erfuhr, welch geschichtsträchtigen Ereignisse sich im fernen Berlin abspielten. Im ersten Moment konnte ich kaum glauben, was ich da hörte. Alles war in heller Aufregung. Nach 40 Jahren lagen sich Deutsche aus Ost und West erstmals wieder in den Armen!

Überrascht und sprachlos verfolgte ich die unglaublichen Freudenszenen, die sich dort abspielten. Fast zu schön, um wahr zu sein – denn gleichzeitig stellte ich mir die Frage, wie das DDR-Regime reagieren würde. Auch hatte ich Angst, dass die Situation eskalieren könnte. Doch auch diese Befürchtungen sollten sich – gottlob – bald zerstreuen. Die friedliche Revolution hatte sich zu diesem Zeitpunkt bereits angedeutet, die Volksmassen hatten sich in Leipzig und vielen anderen Städten der DDR erhoben und gingen zu Tausenden gegen das Unrechtsregime auf die Straße. Dass die Ereignisse sich im Herbst 1989 derart überschlagen würden, hatte dennoch niemand zu hoffen gewagt.

Doch wie sollte es jetzt weiter gehen und vor allem, wann würden im Landkreis Sonneberg die Grenzen geöffnet? In den darauffolgenden Tagen drängten die Bürgerinnen und Bürger allerorten gen Westen und erzwangen mit friedlichen Mitteln die Öffnung des Eisernen Vorhangs. In der Presse waren plötzlich Namen von Orten aus dem Landkreis Sonneberg zu lesen, die zwar nur wenige Kilometer entfernt waren, die man aber als DDR-Bürger nie hatte betreten dürfen.

Das Gefühl der Freiheit und des Aufbruchs zu dieser Zeit werde ich für immer in meinem Herzen tragen. Endlich durfte ich das, was ich vom Balkon meiner Zweiraumwohnung im Sonneberger Wolkenrasen sehen konnte, auch besuchen. Gleich am ersten Wochenende nach Öffnung des Grenzübergangs Hönbach brach ich gemeinsam mit meinem Mann und meiner Tochter nach Neustadt bei Coburg auf. Wir hatten uns vorgenommen, den Muppberg zu erklimmen. Das Hochgefühl, das ich empfand, als wir auf diesem symbolträchtigen Gipfel standen und die Aussicht über Neustadt und das Sonneberger Land genossen, war unbeschreiblich.

Die friedliche Revolution hat allen Bürgerinnen und Bürgern der DDR ungeahnte Möglichkeiten und Chancen eröffnet. Mein Leben hat sich seitdem grundlegend verändert. Von 1994 bis 2006 durfte ich als Mitglied des Thüringer Landtages unseren Freistaat Thüringen mitgestalten und seit drei Jahren bin ich mit Herz und Seele Landrätin des Landkreises Sonneberg – meiner Heimat. Deshalb bin ich heute noch all jenen sehr dankbar, die damals mit Mut und Entschlossenheit gegen die Unfreiheit aufbegehrt haben.

Nachdenklich stimmt mich heute allerdings oft, wie schnell die Menschen zu vergessen scheinen. Sicherlich – die deutsche Einheit hat für uns alle viel Neues und nicht nur Gutes mit sich gebracht. Aber es kann niemand abstreiten, dass sich Thüringen und speziell der Landkreis Sonneberg fantastisch entwickelt haben. Niemals dürfen wir vergessen, welches Unrecht sich in den 40 Jahren DDR zugetragen hat und wie viele Menschen hierunter leiden mussten. Das undemokratische System, jahrelange Bespitzelung und Verfolgung, all das wurde im November 1989 friedlich beendet. Wir sollten uns deshalb das große Glück, diesen Wandel miterlebt zu haben, immer in Erinnerung behalten.

Christine Zitzmann
Landrätin des Landkreises Sonneberg